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DER VEREIN

Ein Raum, dessen größter Vorzug der ist, dass es nicht hereinregnet, eignet sich bereits als Vereinslokal. Schachspieler stellen keine Ansprüche an die Innenarchitektur, dürfen auch keine stellen, denn der Wirt, der Sie jeden Freitagabend duldet, ist ohnehin der Meinung, dass sie zu lange sitzen und zu wenig verzehren. Schachvereinen wird daher oft und überaus leichten Herzens gekündigt. Der Vorsitzende, sein Stellvertreter, der Kassierer und die Schriftführer akzeptieren jede fadenscheinige Begründung, denn auch sie nehmen an, dass bei einem Witwentreffen oder einer Obdachlosenparty für den Wirt mehr herausspränge als bei ihren Verstandesübungen. Sicher vor Vertreibung fühlen sich die Clubs erst, wenn sie unter dem Vorwand, das Spiel leiste der geistigen Gesundheit der Einwohnerschaft Vorschub, in einem Gemeindehaus oder einem anderem von Steuerzahler finanzierten Gebäude untergekommen sind.

 

Das nun brauchen die Spieler: Holz-, Wachstuch- oder Kunststoffbretter, Figurensätze, Schachuhren, bei Gebrauch nicht zusammenbrechende Stühle und möglichst wenig wackelnde Tische. Überflüssig ist ein Teppich oder ein Bild an der Wand. Dieses könnte zum Beispiel den Vereinsturniersieger der Jahre 1978 bis 1987 zeigen oder ersatzweise irgendeinen vor sich hinstarrenden Weltmeister - doch niemand will derlei sehen, sollte sich der Blick vom Brett lösen. Dafür hat ein ordinärer, mittelgroßer Wandfleck, der bei allen Müttern und Gattinnen, beträten sie den Raum, den Wunsch nach rascher Überpinselung wecken würde, gute Chancen, monatelang nicht bemerkt zu werden. Es würde auch niemand versuchen, die Aufmerksamkeit der Grübler durch Blumenschmuck zu fesseln. Denker lassen sich schwerlich ablenken, weder durch Hässlichkeit noch durch Schönheit.

 

Die wechselseitigen Begrüßungen sind knapp. Sie bestehen jeweils aus einem hastigen Händedruck und wenigen wie widerwillig hingeworfenen Wörtern. Wenn die Vereinsmitglieder Zeit vertrödeln, dann mit kniffligen Kombinationen und nicht mit Höflichkeitsfloskeln. - In Windeseile sind die Figuren aufgestellt, rasch die ersten Bauern geschlagen. Bald bietet jeder Tisch ein Stellungsproblem, ausgebrütet von zwei seelisch zugeknöpften Männern. Die Außenwelt ist fast verstummt, doch könnte durch den Spalt eines Fensters gedämpfter Straßenlärm oder durch den Spalt einer Tür ein undefinierbares gastronomisches Geräusch dringen. Ruheloser Abendfriede senkt sich auf den Club. Ab und zu knarrt oder quietscht etwas, dann hustet jemand nervös oder schnaubt auf eine Weise, die verrät, dass er lieber tief geseufzt hätte. Nun nähert sich ein Kellner, der Vorläufer des demnächst anzuschaffenden Getränkeautomaten.

Eingeschüchtert durch frühere "Pssst"-Rügen, betritt er zögernd den Raum und flüstert: "Ein Tee." Der den Tee bestellte, hat vor lauter positionellen Drohungen seinen Durst vergessen und ist auch für den zweiten, schon flehentlichen Ausruf taub. hierauf bemächtigt sich der Mannschaftskapitän des kalt gewordenen Tees, serviert ihn oder trinkt in selbst.

 

Bestimmt ist nicht Sonntag, höchstwahrscheinlich auch nicht Montag oder Mittwoch. Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge versammeln sich die Vereinsmitglieder am Freitagabend. Da haben sie die Strapazen des Wochenendes und den in der Freizeit fälligen Kräfteverschleiß noch vor sich. Ausgeruht nach viereinhalb Tagen Berufstätigkeit, erholt von den Anstrengungen des vergangenen Wochenendes, reißen sie sich im Club zusammen wie nicht immer am Arbeitsplatz. Nur ein Sadist könnte von ihnen die ganze Woche über verlangen, was sie freiwillig und unentgeltlich an dem einen Abend leisten. Da ergreift einer, der das sonst nie fertig bringt, die Initiative, und das auch noch mit Schwarz. Da entwickelt ein anderer, der das sonst ablehnt, Fantasie.

 

Der letzte macht das Licht aus. Eine Selbstverständlichkeit, die in den Rang einer Redewendung und damit einer Bitte erhoben wurde, weil viele Menschen auch in Kleinigkeiten die Devise "Nach mir die Sintflut" befolgen. Wer aber vergisst, für Finsternis zu sorgen, drückt sich vielleicht auch um die moralische Verpflichtung, das Spielmaterial aufzuräumen. Schließlich können die Uhr und das Brett, die Bauern und die Offiziere nicht sechs Tage und zwanzig Stunden liegen bleiben. Theoretisch sieht das jeder ein, der Pedant wie der Hallodri. Wenn es jedoch mit der Einsicht getan wäre und zwischen ihr und ihrer Beherzigung nicht Abgründe klafften, hätten die Schachvereinsvorstände einen Kummer weniger. Da aber die Effizienz der Einsicht zu wünschen übrig lässt, wird auf der nächsten Jahreshauptversammlung der Vereinsvorsitzende über Schlampereien und deren Folgen klagen.

Der Vorsitzende wird erklären, dass im abgelaufenen Jahr elf Uhren außer Gefecht gesetzt und sieben Bretter besudelt worden seien, und nach seiner Wiederwahl etliche Clubkameraden inständig bitten, für das ebenso unscheinbare wie undankbare Amt des Materialwarts zu kandidieren. Die angesprochenen Kameraden werden bedenken, dass es für den ebenfalls nicht zu beneidenden Kassierer immer noch leichter sei, einigen säumigen Mitgliedern hinterherzulaufen, als für den Materialwart, den Ruin von Uhren, die Befleckung von Brettern, den Diebstahl von Springern, die Verlegung von Bauern und die Entwendung von Türmen zu verhindern. Mit dieser Überlegung wiederum tröstet sich der am meisten geeignete Kamerad, eine gutmütige Haut, die sich wehmütig lächelnd zum Materialwart wählen lässt, zum Herren eines abschließbaren Schrankes.

 

Ein Glück das dies alles im Schachverein Hattingen anders ist.